Ein kleines aber vollgestelltes Krankenzimmer. Babybett, Moitor, Perfusort, Stuhl, großes Bett auf 6 quadratmetern.

Ich hatte mir vorgenommen, was „Schönes“ zu machen, während das Herzkind im Herzkatheter-OP liegt. Also Frühstück, Duschen, Milch abpumpen (nicht zum verfüttern, nur gegens Platzen) und wollte gerade schön nen Film gucken und dabei einpennen. Und dann kommt schon um kurz nach 11 Uhr die Nachricht, sie wären schon fertig. Zum wichtigsten Teil „ausruhen“ blieb also nur wenig Zeit. ??

Ich laufe alleine runter zur Schleuse. Da liegt mein blasses Kind in seinem Bett. Blass ist in diesem Fall sehr positiv zu sehen, denn es bedeutet, dass die Sauerstoffsättigung besser ist! Alle noch anwesenden oder durchlaufenden Ärzt*innen bestätigten mir: Alles bestens verlaufen!

Bild eines Monitors mit Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz und Atemfrequenz.

Schön! Ich freue mich, gucke den piepsenden Monitor an und frage, ob ich ihn nun mitnehmen könne. „Nein! Nur mit Begleitung!“ Und so warten wir gemeinsam auf einen Arzt der Station. Das zieht sich ziiiiemlich. Denn logistisch gesehen fährt der Stationsarzt ungern „leer“ und bringt auf seinem Weg zum Herzkatheter den nächsten Patienten mit. Und dann geht’s aber los. Arzt, Schwester mit Notfall-Rucksack, ein grünes Bett und ich.

Zurück auf der Station

Da der Kleine noch schläft, esse ich halbwegs in Ruhe meine Spaghetti Bolognese. Nur halbwegs, weil doch öfters ein Arzt vorbeikommt und sich wegen der niedrigen Herzfrequenz sorgt.

Für einen erwachsenen Sportler ein super Ruhepuls, für Babys leider besorgniserregend…

Die für uns zuständige Schwester kommt auf die Idee die Körpertemperatur zu checken und wirklich, der Kleine ist ein bisschen kalt. Ich ziehe ihm was kuscheliges an und wärme ihn ein bisschen auf. Und nun macht er auch von Zeit zu Zeit die Augen auf.

Ein kleines Krankenzimmer ist zu sehen. Ein Kinderbett, ein Erwachsenenbett, Monitorkabel quer durchs Zimmer.
Klein, eng, winzig. Unser „Zuhause auf Zeit“

Die Schwestern sind schon ein wenig genervt, weil ich alle 20 Minuten frage, wann ich ihn endlich stillen kann. Ich werde immer wieder vertröstet, er würde sich nur verschlucken, wenn er weint, wäre er wach. Ich sitze also weiter hoch aufmerksam am Bett. Auch ausruhen und entspannen kann ich mich nicht. Er jammert und ich biete meinen Finger zum Nuckeln an.

Dann erbricht der arme Galle. Bestimmt wegen der Sedierung. Zum Glück stehe ich die ganze Zeit am Bett, damit er sich daran nicht verschluckt. ?

Endlich wach!

Baby stillt. Monitorkabel sind zu sehen und ein Zugang an der Hand.
Baby stillt endlich!

Dann endlich ist es so weit. Nach 11 Stunden Abstinenz darf der kleine Mann wieder an die Brust! ? danach macht er die Windel einmal bis oben hin voll und pennt danach in meinen Armen weiter. Puh. Langsam fällt die Anspannung ab!

Endlich kann ich auch mal wieder sitzen, mit dem kleinen Mann im Arm. Nach einem Nickerchen stillen wir wieder. Er nuckelt sich ein, ich gönne es ihm.

Sein erster Kater – oder Hangover I

Eine Stunde geht es gut, dann ist er wieder unruhig, nörgelig und weint. Stillen funktioniert nicht mehr. Er fühlt sich auch echt warm an, messen ergibt 38,7 Grad. Kein Wunder, dass er doof drauf ist. Ich klingele nach der Schwester. Die hält Rücksprache mit dem Arzt. Es könne vom Kontrastmittel kommen, keine Sorge!

Inzwischen wünsche ich mir eine kurze Ablösung…es ist 18:30 Uhr und ich war seit Stunden nicht auf Toilette. Gegessen und getrunken habe ich auch nicht. Das Weinen zehrt an meinen Nerven. Ich denke lieber nicht darüber nach, dass ich seit 14 Stunden wach bin.

Dazu habe ich auch keine Zeit, der Kleine spuckt wieder Galle. Einmal umziehen später liege ich wieder mit ihm stillend im Bett. Ich muss immernoch und gegessen hab ich auch noch nicht. Eigentlich weiß ich, dass ich auch auf meine Bedürfnisse achten muss. Aber ich hatte auch noch nie so ein Häufchen Elend im Arm.

Schlaflos in Aachen

Nach einem Still-Power-Nap bekommt er ein Zäpfchen. Ich hoffe, dass er damit die Kurve in den Schlaf bekommt und lege mich noch mal zu ihm. Leider klappt auch das nicht. Er schafft es nur, an der Brust zu dösen, nach spätestens 20 Minuten ist er wieder wach. Bewege ich mich, ist er sofort wach.

So geht es weiter bis 21 Uhr. Ich liege immernoch, muss mal und hab Hunger. Ich versuche es zur Abwechslung mit herumtragen, dann ist er wenigstens ruhig, denn wir haben ja noch Zimmernachbarn. ?

Kurz vor 22 Uhr bin ich den Tränen nahe und sehe ein, dass ich Hilfe brauche. Der Pfleger kommt und packt ihn, seinen Monitor und seinen Heparin-Tropf in einen Kinderwagen. Ich blende aus, dass ich ihn auf dem Flur weinen höre und gehe erst mal aufs stille Örtchen. Dann ziehe ich mich für die Nacht um und schmiere mir in der Personalküche ein Brot. Bewaffnet mit zwei Flaschen Wasser, geht’s zurück zum Zimmer. Eine Schwester versucht das arme Herzkind mit Schuckeln im Wagen zu beruhigen. mit seinem Opisthotonus ist das aber so gut wie unmöglich. Er liegt schon mit dem Kopf oben an der Kinderwagen-Wand und weint.

Unsere Aussicht in der Nacht.

Alles zurück auf Anfang. Frische Windel und zusammen ins Bett kuscheln. Und wieder das gleiche Spiel. Während des Stillens Ruhe, dann geht ne Zeit mein Finger, dann ein bisschen Schuckeln und wieder stillen. Er bekommt einfach die Kurve nicht und ist immer aufgelöster.

Um halb zwei versuchen wir es mit einem Schlafmittel, über die Spritze in den Mund. Kennt er eigentlich von den Medis. Das Zeug stinkt aber derart nach Pfefferminz, dass es mich an Schnaps erinnert. Der kleine Kämpfer findet es so ekelig, dass er es partout nicht schluckt. Er läuft ihm schon aus der Nase, so sehr wehrt er sich dagegen. Ich gebe auf. 20 Minuten später erbricht er das wenige, was er davon geschluckt hat. Ich hole eine Einmalunterlage als Abdeckung, damit ich das Bett nicht neu beziehen muss.

Weil er so satt ist vom Dauernuckeln, lasse ich ihn an die linke Brust, die wir eigentlich nicht stillen. Das ist aber so unangenehm, dass ich dabei nicht mal dösen kann.

Und so geht’s weiter im Wechsel. Eine Stunde Still-Nuckeln, eine Stunde schuckeln auf dem Arm. Draußen wird es schon wieder hell. Ich bin froh, dass wir nicht entlassen werden. Mit mehr als 24 Stunden ohne Schlaf, fahre ich nicht auf die Autobahn.

Noch ein Tag

Eine Schwester kommt um halb 8 und fragt fröhlich, wie es uns geht und ich breche in Tränen aus. Vor Erschöpfung, Verzweiflung, Müdigkeit. Sie schenkt mir ein kleines rotes Herz und bringt mir mein Frühstück. Eine Wohltat, dass sich jemand um mich kümmert. Für den Klogang muss der Kleine mal alleine weinen. Ich kann es nicht ändern.

Ein Arzt kommt vorbei. Das mit dem nicht-Schlafen hätten die ganz Kleinen danach oft, das spiele sich wieder ein. Aber ich dürfe ihn in die Trage nehmen. Puuuh! Immerhin etwas!

Frau mit Baby in der Trage im Krankenzimmer
Endlich wieder in die Trage! Aber Schlafen geht trotzdem nicht.

Gegen 10 Uhr kotzt das Herzkind noch mal Galle. Man, was für ein Hangover. Ich packe ihn in die Trage und schaffe so mein Frühstück. Das hebt die Laune, zumindest meine. Ich versuche weiter im Wechsel zwischen Trage und Stillen im Bett das Kind zum Schlafen zu bringen.

Schlaf!

Bevor Ruhe einkehren kann, ist Visite. Die Stationsärztin schlägt ein entkrampfendes Medikament vor, das schläfrig macht. Mit dem Medikament schläft der Kleine endlich ein. Es ist 13:30 Uhr. Vor 34 Stunden bin ich zum „letzten Stillen“ aufgewacht und seitdem habe ich maximal gedöst. Ich haue mich ins Bett und penne direkt ein.

Baby im Krankenhausbett. Zu sehen ist noch ein Monitor und ein Perfusor.
Endlich endlich schlafen!

Um 15 Uhr weckt mich die Schwester der nächsten Schicht, der Kleine hätte die Blutdruckmanschette nicht um. Sie bräuchte einen neuen Wert. Kurz und heftig verbiete ich ihr das Blutdruckmessen. Wir nehmen doch nicht ein Medikament um endlich Schlaf zu finden und wecken ihn dann! Ich rege mich so auf, dass ich nicht wieder einschlafen kann und gucke sinnlose Filme.

Um 17 Uhr wecke ich ihn, neue Windel und die Lage checken. Das Schlafen hat ihm wohl gefallen. Das Wachsein gefällt ihm nicht. Also tue ich ihm und mir den Gefallen und stille ihn wieder in den Schlaf. Und so kommen wir halbwegs normal durch die Nacht. Mit noch einem Zäpfchen gegen erhöhte Temperatur und zwei vollen Windeln mehr als sonst. Kein Wunder bei dieser Dauernuckelei.

Schlafendes Baby im Krankenhausbett. An der Hand ist ein Zugang zu sehen.
Baby im Krankenhausbett

Wie lange habe ich jetzt abwechselnd gestillt und geschuckelt? Ich hab jegliche Orientierung verloren. Ob es daran liegt, dass ich nicht geschlafen habe oder daran, dass diese Still-Schuckel-Rhythmus so monoton ist?

Endlich raus hier!

Er tut mir den Gefallen und schläft lange. Als er aufwacht, habe ich gepackt und gefrühstückt. So gestärkt geht’s durch die „Abschiedszeremonie“. Heparintropf ab, Fieber, EKG, Ultraschall, Sättigung, Blutdruck, Zugang entfernen. Chefarztvisite. Warten auf den Arztbrief. Gegen 14 Uhr sitzen wie eeeendlich im Auto. Schon wieder ohne Mittagsschlaf. Die Fahrt über hat er meinen Finger im Mund, Automatik sei dank.

Frau mit Baby in der Trage und Koffer im Fahrstuhl.
Endlich raus!

Was für ein Horrortrip! Auch für mich. Krankenhausaufenthalte sind für die Kinder Übergriff pur. Und ich als Mama bin ständig am verhandeln: wenn dies oder das nötig ist, wie kann man es machen, dass es für ihn so wenig unangenehm wie möglich ist? Kann ich ihn halten, können wir es wärmer machen, können wir etwas abkürzen oder zusammenlegen? Ständig im Kompromiss-Modus. Ständig am Begleiten des Kompromisses, denn er fällt selten so aus, dass das Herzkind es als angenehm empfindet. Krankenhaus ist ständiges Weinen und Beruhigen. Nur dass gewohnte Strategien nicht gezogen werden können. Weil das Zimmer so klein, das Kabel so kurz oder das Kind nicht auf die gewohnte Weise bewegt oder getragen werden darf.

Und egal wie viel man leistet, es bleibt das Gefühl nicht genug getan zu haben, dem Kind nicht genug Stütze gewesen zu sein, unnötige Schritte nicht verhindert zu haben.

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